Über die Produktion der Unmittelbarkeit

„Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.“

Walter Benjamin

Literarische Produktion: gegen Blendwerke

Durchatmen, immer wieder: durchatmen! Es gibt noch Luft. Geradewegs an jenen Orten, wo die Luft zum Atmen unwirtlich und rar scheint, wo Sprechen nur mehr als Hauch vernehmbar ist, muss Raum zum Atmen geschaffen werden. Sprechen – und damit auch Denken – ist kein Akt im Vakuum, kein Laborexperiment unter kontrollierten Bedingungen. Nicht zuletzt darum hatten die alten Griechen diese beiden Momente, geordnetes Denken und Sprechen, im Wort λόγος (lógos) ineinander verschränkt und an die Bedingungen dieses Sprechdenkens gebunden. Das Denken, wo es geschieht, in der Sprache, ist nicht das ganz andere zum Leben, sondern bewegt sich in ihm als sein Grund, kommt von irgendwo und ist nirgends. Wenn aber der Diskurs sich dahinbewegt, eine faule Alternative, eine Kosmetik der brutalen Verhältnisse zu werden, verleugnet er seine Herkunft und wird damit zur Lüge. Bertolt Brecht hatte dazu schon gesagt, dass es bei den herrschenden Verhältnissen beinahe ein Verbrechen sei, über Bäume zu reden. Das Wunschdenken ist kein Substitut des kritischen Denkens, sondern sein Verrat. Wer wollte schließlich nicht lieber am Strand liegen, als im Eigenheim gefangen zu sein? Cui bono?

Les non-dupées errent

Wo gemeinsames Sprechen und Reflektieren aber wiederum nur die Unmittelbarkeit versucht einzufangen, wo Denken glaubt, nur auf die drängenden Fragen der Gegenwart antworten zu müssen, Lösungen ohne Fragen, da wird Nachdenken zu einem verdrießlichen Bejahen der Lage, die ohnehin nicht anders sein könne und die man eben zu akzeptieren habe. So ist es nun mal. Karl Kraus bezeichnete diese Haltung als jene des „vorauseilenden Gehorsams“ – die allgegenwärtige Bereitschaft, alles Lebenswerte aufzugeben, um nur am Leben erhalten zu werden. Kein Preis ist zu hoch, weil ohnehin die Not inflationär auf die Errungenschaften des gemeinschaftlichen Lebens wirkt. Darüber hinaus kennen wir die Pfandleiher und bei ihnen ist’s wie im Kasino: die Bank gewinnt immer.

Eine sinnliche Vernunft

Also Luftholen: denn zwischen Einatmen und Ausatmen hält man kurz inne und wendet die Richtung des Denkens, solcherart, dass es von vorne nach hinten, dann wieder von hinten nach vorne gedacht wird und somit in jedem Hin- und Herstreifen neue Gegenstände des Denkens aus dem brachliegenden Feld zutage fördert: Kultur ist nicht nur darum auch ein Beackern des Bodens, der zuvor nichts anderes als Mist und Dreck ist. Hier wird versucht, die Sedimente auszuheben und zu markieren, Schicht für Schicht dem behäbigen Brocken, den unsere Gegenwart bilden, Gedanken abzuringen und so das Irgendwo, auf das das Denken notgedrungen immer wieder zurückgehen muss, einzugrenzen. Dergestalt wird die Welt nicht als fertige vorgestellt, gegenüber der es sich zu verhalten gelte. Die Welt ist zertrümmert und aus diesem Schutt muss nun vielmehr das gerettet werden, was sonst so wenig sichtbar ist: die wenigen Augenblicke, in denen die Fragmente der Welt unverwandelt und unverwaltet sich dem Denken preisgeben, um jäh wieder ins Vergessen abzusinken.

Kollektive Zeitzeugenschaft

Hölderlin schrieb, dass mit der Gefahr auch die Rettung wachse. Für uns darf das so verstanden werden, dass in Momenten, in denen das Unerklärliche zunimmt, auch die Möglichkeit wächst, das Denken erneut auf die Sache gehen zu lassen, bei den einzelnen Dingen länger zu verweilen, als es vom Ausnahmezustand diktiert wird, widerständig beim Inakzeptablen zu verharren, das winzig und bedeutungslos vorbeizugleiten scheint, wo die Macht der Situation zur geschäftigen Betriebsamkeit anhält. Bilder des Denkens, die der bloßen Erklärung der Lage misstrauen, weil sie die vielen Momente, die nicht im Erklärten aufgehen, besser kennt, als diese; Denkbilder, die der bewegten Unmittelbarkeit angemessen erscheinen, weil sie seine Bewegung einfangen; Denken in Bildern, weil die Vernunft auch sinnlich ist und administrativer Verordnungen nicht zu gehorchen hat. An diesem Ort sollen sich die Bilder vervielfältigen können, die im Handgemenge dem Diktat des bloßen Lebens entrissen wurden.

We want you

Denkbilder

Wir rufen zur Produktion der Unmittelbarkeit auf! Das kann in Aphorismen, kleinen Wahrnehmungen, blitzhaften Beobachtungen geschehen, in kurzen Gedankengängen betreffend das Geschehen, in dem wir uns befinden. Es soll eine Sammlung von Denkbildern ergeben, die nicht die Analyse des Ganzen, sondern die Erzeugung des Vielen dienen soll.

Quarantänerezensionen

An Lesende: nicht nur die Wahrnehmungen erzeugen die Gegenstände, sondern auch die Lektüre ist produktiv. Nichts, was gelesen wird, entspricht einem festgeschriebener Text: es ist der Lesende, der aus seiner  oder ihrer Gegenwart heraus neue Fragen an das Geschriebene richtet und neue Schichten des Sinnlichen daraus aushebt. Weil Lesen nicht bloß Flucht aus der Welt, sondern auch Materialprüfung der Literatur angesichts der Welt ist, sollen Rezensionen der Lektüren in engen Verhältnissen entstehen.

Philosophische Aktualität

Um die Lage nicht zu verfehlen, um auszuweisen, dass es keine Ersatzhandlung gegenüber der restriktiven Lebensumstände ist, die hier angepeilt wird, soll eine weitere Rubrik den Index der Gegenwart mitführen. Das Sichtbarmachen der Produktionsverhältnisse geistiger Erzeugnisse erfordert es, dass auf diesen Seiten dokumentiert wird, was geschieht, während erzeugt wird.


Wir rufen zur Produktion der Unmittelbarkeit auf! Wir rufen zur entgrenzten und dezentralen Herstellung anderer Lebensumstände auf, deren Zukunft kommt und dessen Spiegelbild in der Gegenwart aufgefangen werden soll.


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